TIP-Verlag, 11. September 2009
Sternstunde mit himmlischen Stimmen aus Armenien
St.-Andreas-Kirche: Gottesdienst und Konzert des Kloster-Geghard-Chors am 10. September

Gefühle der Ruhe und des Friedens entfalten sich in den Klangwelten der armenischen Kirchenlieder mit Anahit Papayan, Katarine Hovhannisyan, Ruzanna Petrosyan, Seda Amir-Karayan, Luiza Yeremyan, Nadima Kombajyan, Sona Varpetyan und Iren Sukiasyan.
"Morning of Light", mit diesem andächtigen Abendgottesdienstlied in klassisch-armenischer Sprache aus dem 12. Jahrhundert eröffnete der Kloster-Chor sein Konzert. Innig beginnend, bald tief und getragen, dann wieder mit erhebender Klangfülle singt sich der Chor in die Herzen der Zuhörer. Mit himmlischen Klängen, die an Gregorianische Gesänge erinnern, und ergreifenden Gesangssoli, fernab jeder Hast und Hektik, entrückt von Zeit und Raum, präsentiert sich die Gottesverehrung des Chors. Das älteste Lied über die Zeremonie der Fußwaschung stammt aus dem vierten Jahrhundert, aus dem 12. Jahrhundert ist das Lied "Mit ausgestreckten Armen" zum Karfreitag. "Heilig, heilig" von einem unbekannten mittelalterlichen Autoren jubiliert nicht, und doch ergreift es.
"Denn die Liebe ist das Band, das alles zusammenhält" sagte Apostel Paulus den Kolossern. Dieses Thema der Gottesdienst-Lesung verband sich mit den armenischen Volksliedern, in denen es vorwiegend um die Liebe ging, wie Anahit Papayan, Dirigentin des Chors, im Gespräch mit dem TIP erklärte. Die Zuhörer kamen ohne jede Übersetzung aus, wie der begeisterte Applaus am Ende zeigte. Die Botschaft der gefühlvollen Engelsstimmen war angekommen. Die anfänglich eindringliche Ernsthaftigkeit entwickelte sich zu vielstimmigen frisch-fröhlichen Erzählungen mit neckischen Lautspielen: In "Ay aghjik, tsamov aghjik" schaut die Liebe noch ernst in die Welt, schon beim zweiten Lied "Tsaghik unem narenji" gewinnt die heitere Seite. Energische Rhythmik bestimmt das Lied vom Brotmachen "Sandi yerg".
Armenien blickt auf eine lange, auch leidvolle Geschichte zurück. Seit 1990 leben knapp drei Millionen Armenier in der kleinen unabhängigen Republik im Kaukasus, die an Georgien, Aserbeidschan, Iran, Nachitschwan und die Türkei grenzt. Im Ausland leben mehr als sechs Millionen Armenier. Seit dem Jahr 301 haben die Armenier eine eigene Kirche – die älteste christliche Kirche der Welt. Die liturgischen Gesänge aus dem 4. Jahrhundert bis zum Mittelalter sind heute noch aktuell. Der Kloster-Geghard-Chor singt sie musikalisch neu arrangiert von Komitas (1869 bis 1935) und für Frauenstimmen bearbeitet von Professor Mher Navoyan, Direktor des Chores. Die acht jungen Frauen mit den klangvollen Stimmen sind bei ihrem vierten Deutschlandbesuch in Heppenheim, Einhausen, im Kloster Maulbronn und am Dienstag beim internationalen Musikfestival in Stuttgart aufgetreten und werden noch in Hamburg und Mönchengladbach erwartet.
Hannelore Nowacki
Information:
Keine Mühe scheut der Chor, um jeden Sonntag in dem berühmten Wallfahrtskloster Geghard beim Gottesdienst zu singen, wie Ernst-Ludwig Drays vom Kuratorium in Lorsch erzählt. Die zweistündige Fahrt von Eriwan dorthin führe über dreißig Kilometer holprige Wege. Das Kloster Geghard, zurzeit nur vom Abt Ghevond Ghevondyan bewohnt, soll bald 15 Mönche beherbergen. Der nicht-kommerzielle Chor ist direkt dem "Katholikus" unterstellt, dem armenischen "Papst". Alle Chormitglieder haben die Musikhochschule absolviert. Ermöglicht wurde die Deutschlandtournee durch die Unterstützung der Vereine "Kuratorium Weltkulturdenkmal Kloster Lorsch" und "Noah – Verein zur Förderung der kulturellen Beziehungen zwischen Armenien und Deutschland". Durch persönliche Kontakte und die Initiative des Kirchenchors mit Heiner Weppelmann und Jean-Pierre Dupin kam das Konzert in der St.-Andreas-Kirche zustande. Weitere Vereinsinformationen unter www.noah-arts.de und www.kuratorium-weltkulturdenkmal.de.
Hannelore Nowacki